„Der Ernst der Nachfolge“ (Okuli, 15.3.2020)

ELKG 026 • Lk 9,57–62 (Lut 17, Elb 06)

Der Beitrag für den Sonntag Okuli stammt aus dem Buch „Nachfolge“ von Dietrich Bonhoeffer.

Und sie gingen in einen anderen Markt. Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: „Ich will dir folgen, wo du hin gehst“. Und Jesus sprach zu ihm: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel ha-ben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege“. Und er sprach zu einem anderen: „Folge mir nach!“ Der sprach aber: „Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe“. Aber Jesus sprach zu ihm: „Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes!“ Und ein anderer sprach: „Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, daß ich einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind“. Jesus aber sprach zu ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“ (Lk. 9,57–62).

Übersatzung nach: Dietrich Bonhoeffer, „Nachfolge“ (DBW 4, S. 48ff)

Dies ist ein Teil des Kapitels „Der Ruf in die Nachfolge“.

Der erste Jünger trägt Jesus die Nachfolge selbst an, er ist nicht gerufen, die Antwort Jesu verweist den Begeisterten darauf, daß er nicht weiß, was er tut. Er kann es gar nicht wissen. Das ist der Sinn der Antwort, in der dem Jünger das Leben mit Jesus in seiner Wirklichkeit gezeigt wird. Hier spricht der, der zum Kreuz geht, dessen ganzes Leben im Apostolikum mit dem einen Wort „gelitten“ bezeichnet wird. Das kann kein Mensch aus eigner Wahl wollen. Es kann sich keiner selbst rufen, sagt Jesus, und sein Wort bleibt ohne Antwort. Die Kluft zwischen dem freien Angebot der Nachfolge und der wirklichen Nachfolge bleibt aufgerissen.

Wo aber Jesus selbst ruft, da überwindet er auch die tiefste Kluft. Der zweite will seinen Vater begraben, bevor er nachfolgt. Das Gesetz bindet ihn. Er weiß, was er tun will und tun muß. Erst soll das Gesetz erfüllt werden, dann will er folgen. Ein klares Gebot des Gesetzes steht hier zwischen dem Gerufenen und Jesus. Dem tritt der Ruf Jesu mächtig entgegen, gerade jetzt unter keinen Umständen irgendetwas zwischen Jesus und den Gerufenen treten zu lassen, und sei es das Größte und Heiligste, sei es das Gesetz. Gerade jetzt muß es geschehen, daß um Jesu willen das Gesetz, das sich dazwischenstellen wollte, durchbrochen wird; denn es hat zwischen Jesus und dem Gerufenen kein Recht mehr. So stellt sich Jesus hier gegen das Gesetz und gebietet Nachfolge. So redet allein der Christus. Er behält das letzte Wort. Der Andere kann nicht widerstreben. Dieser Ruf, diese Gnade ist unwiderstehlich.

Der dritte versteht die Nachfolge wie der erste als allein von ihm zu leistendes Angebot, als eigenes, selbstgewähltes Lebensprogramm. Er fühlt sich aber im Unterschied zu jenem berechtigt, auch seinerseits Bedingungen zu stellen. Damit verwickelt er sich in einen vollkommenen Widerspruch. Er will sich zu Jesus stellen, aber zugleich stellt er etwas zwischen sich und Jesus: „Erlaube mir zuvor.“ Er will nachfolgen, aber er will sich selbst die Bedingungen für die Nachfolge schaffen. Die Nachfolge ist ihm eine Möglichkeit, zu deren Verwirklichung die Erfüllung von Bedingungen und Voraussetzungen gehört. So wird die Nachfolge etwas menschlich Einsichtiges und Verständliches. Erst tut man das Eine, und dann das Andere. Es hat alles sein Recht und seine Zeit. Der Jünger selbst stellt sich zur Verfügung, hat aber damit auch das Recht, seine Bedingungen zu stellen. Es ist offenbar, daß in diesem Augenblick Nachfolge aufhört, Nachfolge zu sein. Sie wird zum menschlichen Programm, das ich mir einteile nach meinem Urteil, das ich rational und ethisch rechtfertigen kann. [–] 

„Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes.“ Nachfolgen heißt bestimmte Schritte tun. Bereits der erste Schritt, der auf den Ruf hin erfolgt, trennt den Nachfolgenden von seiner bisherigen Existenz. So schafft sich der Ruf in die Nachfolge sofort eine neue Situation. […] Der Zöllner mußte den Zoll, Petrus die Netze verlassen, um hinter Jesus herzugehen.

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