„Der Weg zum Kreuz“ (Estomihi, 23.2.2020)

Lk 18,31–43 • ELKG 022 • Luther 2017Elberfelder Übersetzung

In unserem Alltag laufen wir oft kopflos durch die Gegend. Wann nehmen wir uns schon die Zeit, stehen zu bleiben und den anderen wirklich zu sehen?

Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen.

Die Studenten der Lutherischen Theologischen Hochschule haben vor ein paar Jahren – als Einstieg in eine Bibelarbeit für den Kirchentag – dieses Video gemacht.

Wenn ich mich mit der Geschichte der Heilung des Blinden bei Jericho beschäftige, kommt es mir immer in den Sinn. Ein Satz sticht dabei heraus: „Jesus bleibt stehen.“

Jesus bleibt stehen. Das ist schon beachtlich, wenn man die Umstände bedenkt. Es herrscht ein unheimliches Gedränge vor der Stadt, alle wollen Jesus sehen, alle wollen ihn berühren. In dieser Masse und bei diesem Lärm einen bestimmten Menschen bewusst wahrzunehmen, dazu braucht es große innere Ruhe. Die Jünger wollten den schreienden Blinden nicht zu Jesus lassen, doch Jesus schätzt die Situation anders ein. Er bleibt stehen, er sieht ihn bewusst und aufmerksam an. Und er stellt ihm eine Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ (V. 41) Für den Blinden liegt die Antwort auf der Hand. Kein Mensch in seiner Lage hätte um etwas anderes gebeten, als wieder sehen zu können. Doch das Entscheidende liegt hier wohl nicht in der Bitte um das Augenlicht, sondern in dem kleinen Wort davor: „Herr“. Der Blinde erkennt Jesus als seinen Herrn, seinen Heiland an. Als denjenigen, von dem er Heil erwarten kann, dem er vertraut, dessen Worten er Glauben schenkt. Darum gewährt ihm Gott, wieder sehen zu können.

Wie oft gehen wir blind durch diese Welt und sehen die Menschen um uns herum nicht? In der Fußgängerzone rauschen die Menschenmassen an uns vorbei. An ein konkretes Gesicht erinnere ich mich am Ende eines Stadttages nur ganz selten. Nehme ich die Bettler am Straßenrand überhaupt noch wahr? Drängt es mich, ihnen zu helfen oder tröste ich mich mit den Gedanken an Banden-Kriminalität und organisierte Bettler-Gruppen? Wie oft halte ich sogar Menschen, die helfen wollen, vom Helfen ab? Das sind unangenehme Fragen – und doch stellen sie sich uns immer wieder, ob wir wollen oder nicht. Diese Fragen nicht mehr zu stellen, heißt, die hilfsbedürftigen Menschen um mich herum endgültig aus dem Blick zu verlieren.

Klar, keiner von uns ist Jesus. Wir können den Blinden nicht sehend und den Rollstuhlfahrer nicht laufend machen. Und wir können das ganze Leid dieser Welt auch nicht auf unsere Schultern legen. Aber wir dürfen uns anrühren lassen. Anrühren lassen von dem, der Hilfe braucht (in welcher Form auch immer). Und anrühren lassen auch und gerade von dem, der sich dem Bettler vor Jericho zugewandt hat.

Und wenn du selbst einmal blind am Straßenrand sitzt und dich verzweifelt nach einem Menschen sehnst, der stehen bleibt und dich sieht, dann lass dich trösten. Jesus ist zwar auf seinem wichtigsten Weg – dem Weg zum Kreuz. Aber gerade deswegen wird er sich immer die Zeit nehmen, stehen zu bleiben, dich anzusehen und dir zu helfen.

Gedankenanstöße

  • Wann hast du dir das letzte Mal in der Fußgängerzone oder an einem ähnlich stressigen Ort die Zeit genommen, stehen zu bleiben und bewusst jemanden anzusehen? Wie könntest du demjenigen zeigen, dass du ihn wahrgenommen hast?
  • Vielleicht ist dir aus dem Video noch ein anderer Satz besonders aufgefallen. Was nimmst du aus dieser Geschichte für dich persönlich mit?
  • Zu dem vorgeschlagenen Predigttext gehören auch die Verse vor der Geschichte mit dem Blinden vor Jericho (V. 31-34). In V. 34 wird gesagt, dass die Jünger nicht verstanden haben, was Jesus ihnen mit der Ankündigung seines Leidens, Sterbens und Auferstehens sagen wollte. Warum fällt es den Jüngern so schwer die Worte Jesu zu glauben, dem Blinden vor Jericho aber offenbar nicht?

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