„Lohn und Gnade“ (Septuagesimae, 9.2.2020)

Bild von Jasmin Sessler auf Pixabay

Mt 20,1-16 • ELKG 020 • Luther 2017Elberfelder

Ein älterer Herr sitzt zu Hause in seinem Lehnsessel und kann – von Schmerzen geplagt – nicht mehr nach draußen gehen, während sein Nachbar im selben Alter draußen fröhlich den Gehweg fegt. Ist das gerecht? Einige Frauen verdienen für dieselbe Arbeit immer noch 20% weniger als ein Mann. Ist das gerecht? Dieselbe Frage haben sich die Arbeiter im Weinberg auch gestellt.

Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. (Vers 10-13)

Was heißt Gerechtigkeit bei Gott?

12 Stunden lang schuften die Arbeiter in der prallen Sonne am Weinberg. Sie haben den ganzen Tag gearbeitet und sich ihren Tageslohn – einen Silbergroschen – redlich verdient. Doch dann kommt die große Über­raschung: Der Herr des Weinbergs gibt schon denen, die nur 1 Stunde im Weinberg gearbeitet haben einen ganzen Silbergroschen. Das kann ja nur bedeuten, dass der Herr des Weinbergs großzügig ist und ihre schwere Arbeit in der Hitze zu schätzen weiß. Wenn schon die ersten in der Auszahlungsschlange einen Silbergroschen bekommen, wieviel können sie dann ewarten? Doch als die 12-Stunden-Arbeiter an der Reihe sind, bekommen auch sie einen Silber­groschen. Ist das gerecht?

Nach unserem menschlichen Empfinden würden wir sagen: Nein. Ein Silbergroschen entsprach damals dem normalen Tageslohn. Aber wenn man nur 1/12 des Tages arbeitet, hat man auch nur Anrecht auf 1/12 Silbergroschen. Wenn nun schon die 1-Stunden-Arbeiter einen Silbergroschen bekommen, müssten die 12-Stunden-Arbeiter demnach 12 Silbergroschen bekommen. Das ist einfache Mathematik. Kann der Herr des Weinbergs etwa nicht rechnen?

Dem Herrn des Weinbergs geht es hier gar nicht um Mathematik. Er hat stattdessen den Menschen, die er auf dem Markt angeworben hat, etwas zugesagt. Er hat sich mit den ersten Menschen, die er früh morgens angesprochen hat, auf einen Silbergroschen als Tageslohn geeinigt. Am Vormittag ist er noch einmal auf den Markt gegangen, diesmal hat er mit den Arbeitern aber keine feste Vereinbarung getroffen. Er fordert sie auf, im Weinberg zu arbeiten und sichert ihnen einen gerechten Lohn zu. Dasselbe macht er auch mittags und nachmittags. Kurz vor Feierabend geht er noch einmal zum Markt, um Arbeiter anzuwerben. Diesmal wird nach dem Lohn gar nicht erst gefragt, geschweige denn über den Lohn verhandelt. Die Arbeiter sollen einfach in den Weinberg gehen. Sie hatten sich sicherlich schon darauf eingestellt, heute ohne Lohn nach Hause zu gehen. Mit diesem Angebot konnten sie immerhin noch ein bisschen Silberstaub erwarten. Sie haben einfach auf den Herrn des Weinbergs vertraut. Mit jedem Mal, mit dem der Herr des Weinbergs auf den Markt gegangen ist, ist die Erwartungshaltung der Arbeiter etwas niedriger geworden. In dieser Welt wird man nach Leistung bezahlt. Muss jemand durchgehend arbeiten, während die anderen Pause haben oder verdient eine Frau prinzipiell weniger als ein Mann oder vereinsamt jemand, während sein Nachbar jeden Tag Besuch bekommt, empfinden wir das als ungerecht. Wer in dieser Welt viel leistet, sollte auch viel erwarten können. Wer nichts mehr leisten kann, wird zum Außenseiter der Gesellschaft. Zu einem Menschen, der nur im Lehnsessel sitzen kann. Zu einem Menschen, der den ganzen Tag ungebraucht auf dem Markt oder im Jobcenter sitzt und keine Arbeit findet. Zu einem Menschen, der neidisch auf die anderen blickt.

In dieser Welt wird nach Leistung bewertet. Aber Leistung spielt für den Herrn des Weinbergs offenbar keine Rolle. Er widersetzt sich den Regeln, dem Rechtssystem dieser Welt. Er bezahlt nicht nach Leistung. Er bezahlt nicht nach Stunden. Seinen Maßstab für die Bezahlung sucht er nicht bei dem Arbeiter, sondern bei sich selbst. Er gibt großzügig nach eigenem Ermessen. So wie er es will. Er lässt Gnade vor Recht ergehen. Er weiß, dass jeder Arbeiter seinen Tageslohn braucht, um seine Familie zu ernähren. Und er gibt jedem einzelnen das, was er braucht. Er gibt den Ersten nicht mehr als den Letzten. Denn auch die Ersten brauchen nicht mehr als diesen einen Silbergroschen. Daran wird deutlich, dass es in dieser Geschichte eigentlich gar nicht um den Lohn geht, den der Herr des Weinbergs, den Gott verteilt. Gerechtigkeit bei Gott ist nicht, dass er jedem seinen Lohn gibt. Mit Arbeit kann man sich bei Gott weder etwas dazu verdienen, noch etwas verlieren. Sondern Gerechtigkeit bei Gott ist, dass er gnädig ist. Dass er gerne gibt, wo es nötig ist. Dass er barmherzig ist mit denjenigen, denen es am notwendigsten im Leben fehlt. Es geht ihm nicht um die Anzahl der Arbeitsstunden. Es geht ihm auch nicht um den investierten Lohn. Es geht ihm allein um die Menschen, denen seine Gnade zugutekommt. Es geht ihm um dich und mich.

Gedankenanstöße

  • Wie gehst du damit um, dass manche Menschen für weniger Arbeit mehr bekommen als du?
  • Hätte die Geschichte mit den Arbeitern im Weinberg denselben Ausgang genommen, wenn die 12-Stunden-Arbeiter zuerst ihren Lohn bekommen hätten?
  • Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist die Fortführung einer Diskussion zwischen Petrus und Jesus über Lohn und Gnade (Mt 19, 27-30). Dort heißt es im letzten Vers: „Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.“ In unserem Text lautet der letzte Vers: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ Hat diese umgekehrte Reihenfolge hier einen tieferen Sinn?

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