„Der Heiden Heilland“ (3. So. n. Epiphanias, 26.1.2020)

ELKG 016 • Apg 10,21–35 (Lut 17, Elb 06)

Bernardo Cavallino (1616–1656): St. Petrus und der Hptm. Kornelius, um 1640.Ausschnitt, gemeinfrei, via.

Petrus sprach zu ihnen: „Ihr wißt, daß es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, daß ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll.“

Vers 28

Wie schön, dass Gott dem Petrus gezeigt hat, dass alle Menschen zu Jesus Christus gehören dürfen! Uns Christen könnte es ja nicht passieren, dass wir Menschen meiden oder „unrein“ nennen. Oder?

Als Prediger habe ich öfter das Privileg als die anderen Gottesdienstbesucher, mir die Gemeinde von vorne anschauen zu dürfen. Gott ruft Menschen jeden Alters, Geschlechts, jeder Hautfarbe, aus allen Berufen, sozialen Schichten und familiären Zusammenhängen zu sich, um ihnen sein Wort zu sagen und sie im Sakrament des Altars zu stärken. Daran glaube ich fest. Doch in unseren Gottesdienstgemeinden spiegelt sich das nicht. Und das liegt nicht an Gottes Ruf. Das liegt an uns.

Unsere Gottesdienste sind Veranstaltungen mit stark elitärem Charakter. Man braucht eine große Menge Spezialwissen, um sinnvoll teilnehmen zu können. Das fängt mit Äußerlichkeiten an: Wann muss ich aufstehen und wann mich setzen? Das geht mit den Rahmengeschichten der biblischen Erzählungen weiter: „Israel war im Exil“. Wer war wo? Und was hat das mit mir zu tun? „Ich lese aus der Epistel an die Römer im 12. Kapitel…“ „Epistel“? An wen…? Dann fängt auf einmal jemand an zu singen und alle wissen, wie sie antworten müssen. Ich fühle mich wie ein Depp, weil ich nicht weiß, was ich singen soll und weil ich singen soll.

Wer würde da zu einem Arbeitskollegen sagen:

„Hey, komm doch mal mit am Sonntag morgen! Ich gehe da zu dieser Feier, voll schön, voll relevant, kannste richtig was mitnehmen für dein Leben… ewiges Leben sogar!“

Das würde man sich gar nicht trauen! Man würde den Kollegen oder Mitschüler in eine hoch-not-peinliche Situation bringen. Und wenn man Pech hat, kriegt man selbst noch Kommentare aus der Gemeinde:

Was haste da denn für einen mitgebracht?
Der hat beim Bach-Satz die Melodie-Stimme mitgesungen!

Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, zugegeben.

Es sind solche Mechanismen, die Menschen „unrein“ erscheinen lassen und das Gebot hervorbringen sie zu meiden. Man erklärt sie zu anderen, zu „Heiden“, die nicht so sind, wie wir. Für Petrus’ Zeitgenossen waren es Speise- und Alltagsvorschriften, für uns ist es eine bestimmte Sorte bürgerlichen Lebenswandels und Umgangsformen.

Wir haben diese heiße Mitte: Jesus Christus, der Mensch-gewordene Gott ist mitten unter uns gegenwärtig. Er redet Menschen an und kommt körperlich zu ihnen, um sie zu stärken und zu bewahren. Dieses Wunder geschieht in unseren Gottesdiensten und in unserem Leben. Um diese Mitte ziehen wir eine Grenze. Das ist menschlich verständlich und unter den Bedingungen der Welt vielleicht sogar notwendig: Es ist nicht alles gleich wahr und gleich richtig. Es gibt Grenzen und diese Grenzen zu markieren ist die u.a. Aufgabe der kirchlichen Bekenntnisse. Wir glauben z.B., dass Christi Leib und Blut im Abendmahl gegenwärtig sind und deswegen lehnen bloß symbolische Deutungen des Altarsakramentes ab. Das ist eine notwendige Grenze. Die Grenzen haben der Mitte aber zu dienen. Wenn Gestaltungsformen wie Liturgie und Musik – und das gilt selbst dogmatische Redeweisen – den Zugang zur Mitte verbauen, dann sind sie schädlich. Der „feste Glaubensgrund“ unserer Kirche besteht nicht aus Denk- und Redeverboten.

Der Grund, da ich mich gründe,
ist Christus und sein Blut.

ELKG 250,2

Gedankenanstöße

  • Mir entgeht nicht die Ironie, ausgerechnet diesen Impuls mit einem Choral-Zitat zu beenden. Widerspreche ich mir damit oder nicht? Warum?
  • Was für eine Veranstaltung müsste deine Kirchengemeinde anbieten (am Sonntag Morgen), damit du Arbeitskollegen oder Mitschüler ansprechen würdest, um sie einzuladen? Wie müsste die aussehen? Welche Musik müsste es da geben? Welche Rolle würden Predigt und Abendmahl spielen (dürfen)? – Denk dabei an folgendes: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“. Die Gestaltung soll bei denen ankommen, die nicht aus der Gemeinde sind!
  • Wie würde deine Traum-Veranstaltung wohl bei deiner Gemeinde ankommen? Wo glaubst du, hat die Gemeinde „Schmerzgrenzen“?

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