„Die Herrlichkeit Christi“ (1. So. n. ) Epiphanias, 6. oder 12.1.2020

ELKG 013 • Eph 3,1–7 (Lut 17, Elb 06)

Das Finanzamt Stade ist dem Architekturstil des Brutalismus zuzuordnen, der für Funktionsbauten der jungen Bundesrepublik typisch geworden ist. Foto: D. Vorberg

Ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat.

Eph 3,2 (in der Lutherbibel von 1984 und im ELKG)

Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Wort „Amt“? – An dieser Frage können wir sehen, wie schwierig es ist, „richtig“ zu übersetzen.

Wenn ich das Wort „Amt“ höre, denke ich in meinem alltäglichen Kontext zuerst an Einrichtungen des Staates, wie das Finanzamt, das ich oben abgebildet habe. Da ist der Baustil doch sehr passend: Man fühlt sich klein und unbedeutend und der Macht des Staates ausgeliefert, der einem –„gefühlt“– in die Tasche greift und Geld abruft. Mein Vater pflegt zu sagen:

Es gibt zwei Dinge, um die man im Leben nicht herumkommt: Tod und Steuern zahlen. — Beim Tod bin ich mir noch nicht sicher.

Auch im kirchlichen Kontext begegnet uns das Amt durchaus als Macht. Immerhin hat der Pastor über Lehre und Praxis seiner Gemeinde zu wachen. Wenn es schlecht läuft, kann man das als Christenmensch durchaus das als Denk- und Sprechverbote erfahren oder als ein Zaun, der die Privilegien der Pastoren sichert.

Mit diesen Gedanke im Hinterkopf war ich überrascht, dass Luther das Wort „Amt“ verwendet für das, was Paulus hier an die Epheser schreibt. (Diese Wortwahl geht auf seine Bibelausgabe von 1545 zurück und wurde von dort in die Revision von 1984 und auch in unser Gesangbuch übernommen).

Die Elberfelder Bibel-Übersetzung formuliert sehr nahe am Text:

Ihr habt wohl von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört, die mir im Hinblick auf euch übergeben ist.

Vers 2, in der Elberfelder Übersetzung von 2006

Das entspricht genau dem grammatikalischem Aufbau des griechischen Satzes. Es macht deutlich, worum es hier geht: Paulus verkündet den Ephesern frohe Botschaft:

Auch ihr, als Heiden!, seid Teil des göttlichen Heilsplanes. Was ich euch erzähle, dass Christus für euch gestorben ist, dass ihr es Gott wert seid, auf diese Art von Sünde und Tod befreit zu werden, das erzählt ich euch in seinem Auftrag. Das ist mein Job. Dafür hat er mich zu euch geschickt.

In Luthers Wortwahl: Das ist mein Amt.

Es geht hier um einen starken Zuspruch an die Epheser. Paulus beruft sich auf sein Amt, seinen Auftrag von Gott, um den Glauben seiner Gemeindeglieder zu stärken. Es geht ihm nicht darum, sich selbst groß und wichtig zu machen, weil er es irgendwie nötig hätte.

So umschreibt das Augsburger Bekenntnis das geistliche Amt:

Solchen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakramente zu geben, dadurch – nämlich durch Mittel – wirkt der Heilige Geist und tröstet die Herzen und gibt Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, welches lehrt, dass wir durch Christi Verdienst einen gnädigen Gott haben, wenn wir solches glauben.

CA 5, BSELK S. 100 (sprachlich angepasst)

Die wichtigste Rolle des Amtes ist die Gnade Gottes auszuteilen. Dazu muss es auch Gesetz predigen, also mitteilen, was Gott von uns fordert (vgl. z.B. Mi 6,8). Aber das Gesetz hat keinen Selbstzweck. Es dient immer dem Evangelium. Luther macht in seiner Übersetzung den Zusammenhang von Gnade und Amt dadurch stark, dass er die Gnade zum Subjekt macht: Die Gnade Gottes hat Paulus das Amt gegeben. Im Original steht einfach nur ein Passiv ohne, dass dabei steht, wer handelt. Ein Passiv, ohne, dass dabei steht, wer handelt, ist i.d.R. ein Hinweis auf Gott. Gott hat Paulus sein Amt gegeben – aus Gnade. Luthers Übersetzung drückt deutlich aus, was der Text sagt und impliziert, obwohl sie weniger exakt ist, in einem grammatikalischen Sinne.

Die Wortwahl der Lutherbibel von 2017 ist folgende:

Ihr habt ja gehört von dem Auftrag der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde.

Eph 3,2 (LUT 2017)

Die „neue“ Lutherbibel hat die Tendenz, auf Luthers Formulierungen aus dem 16. Jahrhundert zurückzugehen. Sie tut das selbst dann, wenn sie schwerer zu verstehen sind und sogar wenn sie wissenschaftlich (*räusper*) falsch sind. Trotzdem haben die Herausgeber hier in den alten Luthertext eingegriffen. Warum? Die Bedeutung des Wortes „Amt“ in unserer Alltagssprache hat sich geändert. Ich habe ja oben geschrieben, das mir vom griechischen Text her „Amt“ gar nicht eingefallen wäre. Doch an anderen Stellen wurden in dieser Ausgabe Anpassungen an unsere Alltagssprache „unter Schmerzen“ vermieden. Es könnte durchaus sein, dass der Grund ist, dass Luthers Amtsverständnis nicht zu der Theologie passt, die in der Breite der EKD vorherrscht. Das geistliche Amt wird hier weder in seiner schenkenden noch in seiner herrschenden Eigenart gerne gesehen.

Gott hat einen Heilsplan für seine Schöpfung, für die Menschheit und für jeden Menschen ganz persönlich. Er sendet Menschen aus, um dieses Heil erkennbar, sichtbar und spürbar auszuteilen. Gott erteilt Menschen einen solchen Auftrag für uns und zu unserem Heil. – Das ist, worum es bei „Amt“ geht. Dies ist bei allen Gesprächen, die wir über das Amt führen, die gemeinsame Basis.

Gedankenanstöße

  • Ich hatte vor einiger Zeit ein Gespräch mit einem Gemeindeglied. Bei einem Lektorengottesdienst sei der Lektor auf die Kanzel gegangen, um die Predigt zu lesen und er hätte am Altar Dienst getan. Mit letzterem war wohl das Kollektengebet gemeint. „Der Altar ist für uns etwas Heiliges“, sagte sie, dies alles sei ihr ein Ärgernis gewesen. — Wie siehst du das: Muss man ein ordinierter Pastor sein, um auf die Kanzel zu gehen und im Gottesdienst an den Altar zu treten? Warum siehst du das so?
  • Welche Übersetzung von Vers 2 bevorzugst du? Luthers alte Übersetzung oder die von 2017/der Elberfelder Bibel? Warum?

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