„Der kommende Herr“ (1. Advent, 1.12.2019)

ELKG 01 • Röm 13,8–12 (Lut 17, Elb 06)

Sonnenaufgang in Dahme. Foto: D. Vorberg

„Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt,
nämlich daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf…“

„Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern“.

Anfang von Vers 11 und der Anfang von Vers 12 in der Nachdichtung von Jochen Klepper, ELKG 14,1.

Die Dämmerung ist ein Moment der Gleichzeitigkeit. Tag und Nacht überlappen sich. Zwar umfängt uns noch die Kälte der Nacht, aber das Licht des neuen Tages leuchtet uns schon. Jetzt ist genau solch ein Zeitpunkt. Zwar umfängt uns noch die Gestalt dieser Welt (vgl. Röm 12,2), aber das Licht des neuen Lebens in Jesus Christus leuchtet uns schon.

Leonard Bernstein dirigiert das Orchester mit seinem Gesicht. Das ist putzig anzusehen und eine Freude, denn die Freude des Meisters an der Kunst ist herzerfrischend. – Und: Endlich versteht man den Dirigenten mal, ohne die Geheimsprache der Musiker entschlüsseln zu müssen! Man kann sehr schön beobachten, dass es eine zeitliche Lücke gibt, zwischen dem, wie Bernstein guckt, und dem Abschnitt, der für das Orchester „dran“ ist. Ist ja auch logisch: Wenn der Dirigent erst dirigieren würde, wenn die Musik kommt, die er gestalten will, dann ist es zu spät. Er kann tun, was er tut, „weil er die Zeit kennt“. Er weiß, was als nächstes kommt und deswegen kann er führen.

Es ist so ähnlich wie bei Space Invaders: Du darfst nicht dahin schießen, wo das Raumschiff ist, sondern du musst dahin schießen, wo das Raumschiff sein wird.

Für die Musiker bedeutet diese zeitliche Lücke, dass sie gleichzeitig in der Gegenwart und in der Zukunft sind. Sie spielen, was gerade dran ist und sie achten auf Bernstein, was als nächstes kommt. Gegenwart und Zukunft fallen in einen Moment zusammen.

Paulus meint, das Leben als Christ ist genau so. Die Gegenwart der Welt und die Fülle des Lebens bei Gott fallen in einen Moment zusammen. In Jesus ist die Liebe Gottes in unserem Leben wahr geworden und das gibt uns die Kraft, mehr und mehr zu dem Menschen zu werden, der wir wirklich sind. Mit dieser geschenkten Liebe lieben wir einander. Und Gottes Liebe bleibt nicht auf die Gemeinschaft der Christen beschränkt, sondern muss überschwappen auf alle Menschen um uns herum: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“.

Gedankenanstöße

Die heutige Lesung endet mit konkreten Geboten, die Paulus für Menschen in dieser Gleichzeitigkeit für wichtig hält.

  • Gibt es deiner Meinung nach einen gemeinsamen Nenner für diese Gebote, insbesondere in Bezug auf das „größte Gebot“ der Nächstenliebe?
  • Welche Schlüsse würdest du für dein Verhalten und deine Gewohnheit aus dieser Vorstellung ziehen: Gleichzeitig in der Gegenwart der Welt und in Gottes Zukunft zu sein?
  • Paulus schreibt auch, wir seien unserem Heil jetzt näher, als zu der Zeit, als wir gläubig geworden sind. Klar: Bei Gott steht der Zeitpunkt schon fest, an dem das Himmelreich kommt. Jeden Tag kommen wir ihm näher. Doch bedeutet das, dass es im Glauben so etwas wie Fortschritt und Wachstum gibt? Und wenn ja, wo kannst du das in deinem Leben festmachen?

Eine Antwort auf „„Der kommende Herr“ (1. Advent, 1.12.2019)“

  1. Die Präfation, das große Dankgebet, macht mit dem ihm folgenden Sanctus in besonderer Weise die Tatsache deutlich, dass bei der Feier des Altarsakramentes – wie im Gottesdienst überhaupt – die neue Welt Gottes schon in diese Welt hineinragt. Der irdische Lobpreis der Gemeinde derer, die noch unterwegs sind, vereint sich hier mit dem himmlischen Lobpreis der Engel und der vollendeten Heiligen Gottes. — Ev.-Luth. Kirchenagende, Bd. 1, S. 6.

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