„Das Weltgericht“ (Vorletzter Sonntag, 17.11.2019)

ELKG 071 • Hi 14,1–6(7–12)13(14)15–17 (Lut 17, Elb 06)

Mississippi River. Foto: Ben Murray (Ausschnitt) via Pixabay.

Hiob meint, er wurde schwer getroffen von einem harten Gericht Gottes. Er kann den Sinn in einem Leben nicht mehr sehen. Als ein Sinnloser will er lieber von Gott in Ruhe gelassen werden, als noch unter seinen Augen leben.

…blicke doch weg vom Menschen, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Vers 6

Was hat es auf sich mit dem Tag, auf den sich der Tagelöhner freut?

Tagelöhner waren in der Antike Menschen, die es noch schlechter hatten, als Sklaven. Die Eigentümer von Sklaven hatten wenigstens ein Interesse daran, ihren Besitz zu pflegen und zu versorgen. Tagelöhner hat niemand versorgt. Sie hatten Arbeit für den einen Tag und wenn es gut lief, hatten sie Abends genug, um zu essen. Wenn nicht, haben sie gehungert. Dabei waren sie unter Umständen selbst unabhängige Bauern gewesen, die ihr eigenes Land aufgeben mussten. – Dieses Leben ist traurig und hart und es gibt keine Hoffnung, dass sich das mal ändert. Es gab im Grunde keine Aussicht auf sozialen Aufstieg. Die eigene Perspektive war, so lange zu arbeiten, wie es geht und den Hungertod zu erleiden, wenn die Kräfte nicht mehr reichen. Dann geht man „über der Jordan“.

Im U.S.-amerikanischen Musical „Showboat“ hat der Mississippi die Rolle des Jordan-Flusses eingenommen. Er ist „Alter Mann Fluss“, der von dem Liedtext wie eine Person angeredet wird – oder eben der Fluss der Alten, den sie überqueren, um ans jenseitigen Ufer zu gelangen, dem Jenseits, dem Himmelreich. Zwischen diesen Bedeutungen changiert Ol’ Man River.

“Ol‘ Man River” – William Warfield and MGM chorus (Showboat)

Du und ich, wir schwitzen und malochen.
Der ganze Körper drückt und schmerzt.
„Ruder das Floß an“
„Trad das Bündel“
Dann trinkt man sich einen
und landet noch im Gefängnis.

Ich werde immer verzweifelter
und bin es leid, mich zu mühen.
Ich habe es satt zu leben,
aber fürchte zu sterben!
Aber der Alte Mann Fluss
fließt einfach so vor sich hin.

von Jerome Kern und Oscar Hammerstein II, eigene Übersetzung

Auch wir müssen durch das Gericht Gottes. Der Tag des Herrn ist der Tag, an dem universale Gerechtigkeit aufgerichtet wird. Wie soll das gehen, ohne dass wir gerade stehen für das, was wir getan haben? – Doch in diesem Gericht haben wir einen Fürsprecher auf unserer Seite: unseren Herrn Jesus Christus. Er hat sich zu uns gestellt in das Leben diesseits des Jordans, des Mississippi, oder wie auch immer dein Fluss gerade heißt. Er weiß, wie es ist hier zu leben, und hat sich trotzdem (und auch: gerade deswegen!) ganz hineingegeben, Mensch zu sein. Seine Beziehung zu uns hört auch im Gericht nicht auf. Deswegen ist es nicht weniger Gericht, aber es hat Sinn und Ziel und ist die Erfüllung von Gottes Versprechen.

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