„Mitten unter uns“ (Drittletzter Sonntag, 10.11.2019)

ELKG 070 • Lk 17,20–24 (Lut 17, Elb 06)

WKIDESIGN, via Pixabay.

Wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

aus Vers 24

Wir haben es ja leicht: Wir wissen, was das ist. Blitze entstehen, wenn elektrostatische Ladungen in den Wassertröpfchen der Wolken sich entladen. Es kommt zu einem Lichtphänomen. Die Luft wird schlagartig erhitzt und beim Zusammenziehen entstehen Schallwellen. Es donnert.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Menschen vor Aufklärung und Naturwissenschaft Blitze erlebt haben, möchte ich euch einen Kurzen Ausschnitt aus dem Roman „Moby Dick“ von Herman Melville vorstellen:

„Sieh nach oben!“ rief Starbuck. „Das Elmsfeuer! das Elmsfeuer!“

Alle Rahenenden hatten an der Spitze ein bleiches Feuer. Die Blitzableiter gingen in drei Spitzen aus und zeigten drei weiße Flammen, und jeder der drei großen Mäste brannte in der phosphoreszierenden Luft in aller Stille wie drei riesige Wachskerzen vor einem Altar.

„Das verdammte Boot! Laßt es zum Teufel fahren!“ rief Stubb in diesem Augenblick, als eine Sturzwelle hochkam…

Bei Matrosen sind Flüche etwas Gewöhnliches. Sie fluchen, wenn sie vor lauter Windstille irrsinnig werden und auch dann, wenn sie der Gewalt des Sturmes ausgeliefert sind. Aber auf allen meinen Reisen habe ich selten erlebt, daß jemand geflucht hätte, wenn der brennende Finger Gottes auf das Schiff gelegt und sein „Mene, Mene, Tekel Upharsin“ in die Wanten und Taue des Schiffes hineingewebt war.

Als dies bleiche Feuer hoch oben brannte, hörte man von der besessenen Mannschaft kaum ein Wort. Sie standen in einem dichten Haufen auf dem Vorderdeck und stierten in das bleiche, phosphoreszierende Licht wie nach einem Sternbild in der Ferne.

Aus Kapitel 55

Mene, Mene, Tekel Upharsin“ – das ist, was die unsichtbare Hand an die Wand schreibt, als Warnung für den König Belsazar (Dan 5). Die Blitze, die sich an den Enden der Masten entladen, erscheinen den Seeleuten als so etwas Gruseliges, als etwas Un-heimliches, etwas, dem man nicht im „Heim“, im zu Hause, im Bekannten und Erwartbaren begegnet. Hier geschieht nicht das Normale, Gewohnte, Sichere, wir sind außerhalb unserer Komfort-Zone.

Der (neue) Film versucht, diese Atmosphäre einzufangen.

Versuche, das Himmelreich zu berechnen, vorherzusagen oder mit alltäglichen Begriffen zu beschreiben, sind Versuche, das Himmelreich zu zähmen und zu domestizieren. Wir wollen es so gerne unter unserer Kontrolle haben, aber das Himmelreich ist das ganz andere. Es ist das Reich Gottes, nicht unser Reich.

Jesus sagt, das Himmelreich sei „mitten unter uns“ gegenwärtig (Vers 21). Ich würde das so lesen, dass das Himmelreich verborgen ist unter dem Gewöhnlichen der Welt. Aber es ist auch offenbar in ihm, Jesus. Verborgen ist es, weil wir nicht sehen können, wo es ist und wann es kommt. Offenbar ist es, weil Lahme gehen, Taube hören, Blinde sehen und den Armen das Evangelium gepredigt wird.

Gedankenanstöße

  • Wenn du dir ein label aussuchen müsstest, welches würde am ehesten zu dir passen: „lahm“, „blind“, „taub“ oder „arm“?
  • Wo wird (von diesem label aus gedacht) das Himmelreich in deinem Leben konkret?
  • Fällt dir ein anderes Beispiel für etwas Unheimliches ein, das für uns heute als Bild für diesen Aspekt des Himmelreiches dienen könnte?
‚St. Elmo’s Fire‘ on Masts of Ship at Sea, 1866. Via Wikipedia.

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