„Heilung an Leib und Seele“ (19. So. n. Trinitatis, 27.10.2019)

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ELKG 064 • Joh 5,1–16Luther 2017Elberfelder

„Willst du gesund werden?“ Der Mann liegt schon seit 38 Jahren krank auf seiner Matte und kann sich nicht bewegen. Was ist das für eine Frage, die Jesus dem Mann stellt? Warum sollte er nicht gesund werden wollen?

Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Der Mann weiß genau, wie die Dinge laufen. Die Frage Jesu „Willst du gesund werden?“ hat er gar nicht ernst genommen. Er weiß nicht, wer da vor ihm steht und ihm diese Frage stellt. Er weiß auch nicht, wie viele Menschen Jesus von ihren Krankheiten schon geheilt hat. Der Mann am Teich Betesda reagiert ganz rational. Er erklärt dem Fremden, wo das Problem mit dem Gesundwerden liegt: Er kommt nicht schnell genug zum Wunderteich. Der Mann erklärt Jesus, wie seine Welt funktioniert.

An dieser Stelle sein betont: Er erklärt Jesus nicht die Welt, er erklärt ihm seine Welt. Das, was er tagaus tagein erlebt, wenn er am Teich sitzt und andere Menschen beim Gesundwerden beobachtet. In der Problemschilderung des Mannes erfahren wir noch ein wenig mehr über sein Leben: Er ist ganz allein. Er hat keinen Menschen, der ihn zum Teich bringt. Und selbst wenn er doch einmal zum Teich kommt, ist ein anderer immer schneller als er. Man könnte Wut und Enttäuschung erwarten, wenn man eine solche Geschichte hört.

In unserer heutigen Lebenswelt gibt es diese Menschen auch. Menschen, die ganz allein sind und niemanden haben, der ihnen zuhört und ihnen hilft. Menschen, die scheinbar immer auf der Verliererseite des Lebens stehen. Dass mit diesem Text auch wir heute direkt angesprochen werden, wird deutlich an den Personen. Denn eigentlich ist genau genommen in dem Text nicht von „Mann“ die Rede, sondern von „Mensch“ – ganz allgemein.

Ich komme noch einmal auf meine Anfangsfrage zurück: Warum sollte der Mensch nicht gesund werden wollen? Einsamen Menschen kann es so gehen, dass Krankheiten auch einen positiven Effekt haben. Wer krank ist, wird von der Gesellschaft wahrgenommen. Er wird gesehen. Auf einmal steht der Nachbar seit Jahren vor der Tür und fragt, wie es geht. In der Regel gilt: Je schwerer die Krankheit, desto mehr Aufmerksamkeit. Freilich: Das muss nicht immer so sein. Das Vermeiden von kranken Menschen kommt sicherlich genauso häufig vor. Aber meistens regt sich irgendetwas – auf die ein oder andere Art und Weise. Da kann die scheinbar überflüssige Frage, ob man gesund werden möchte, schnell zu einer ernsthaften Frage werden.

Der Mensch am Teich zögert nicht lange. Er möchte gesund werden. Und Jesus vollbringt dieses Wunder. Man kann das auf zwei Arten auffassen. Einmal ist der Mensch ganz offensichtlich wieder im Stande zu gehen (körperlich). Zum anderen heilt ihn Jesus auch, indem er das Selbstvertrauen des Menschen wieder herstellt (seelisch). Das zeigt sich in seiner konfrontativen Begegnung mit den Juden, die ihn auf sein fehlerhaftes Verhalten hinweisen, und in seinem Gang zum Tempel. Seine Gottesbeziehung ist durch die Begegnung mit Jesus wieder heil geworden. Von den Juden in der Geschichte kann man das nicht behaupten: Ihr Pochen auf das Gesetz und die Einhaltung des Sabbats lassen das wunderhafte Eingreifen Gottes in diese Welt nicht zu.

Der Mensch hat seinen ersten Gang nach 38 Jahren liegen dazu genutzt, zum Tempel zu gehen und Gott für seine Heilung zu danken. Erst am Tempel hat er erfahren, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. Die Begegnung am Teich war unkompliziert und bedingungslos: Jesus kommt zu dem Menschen. So wie auch Nachbarn vorbeikommen, wenn jemand krank ist. Um zu erfahren, was es mit Jesus auf sich hat, wird man sich aber auch mal in Bewegung setzen müssen. Der Gang zum Tempel, zum Gottesdienst, in die Kirche bleibt nicht folgenlos. Er bringt Klarheit in das Leben des Menschen – und er macht uns Jesus als den Wundertäter auch in unserem Leben neu bewusst, sodass neue Beziehungen entstehen können.

Gedankenanstöße

  • Welche Erwartungen standen deiner Meinung nach am Teich Betesda unausgesprochen im Raum? Hat Jesus etwas von dem Kranken erwartet? Hat der Kranke etwas von Jesus erwartet?
  • Welche Möglichkeiten siehst du in deiner Umgebung, wie man kranken und einsamen Menschen begegnen kann – ohne sich gleich ganz vereinnahmen zu lassen?
  • In der Evangeliumslesung für den nächsten Sonntag ist ebenfalls von einem Gelähmten und einer Heilung durch Jesus die Rede. Es ist die Geschichte, wo vier Menschen ihren Freund durch das Dach eines Hauses zu Jesus herunterlassen (Mk 2,1-12). In dieser Geschichte spricht Jesus den Kranken durch die Vergebung der Sünden gesund. Auch im Predigttext aus Joh 5 kommt das Motiv der Sündenvergebung vor. Wo genau und wie unterscheidet sich das von der Geschichte in Mk 2?

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