„Die große Krankenheilung“ (12. So. n. Trinitatis, 8.9.2019)

ELKG 057 • Apg 3,1–10 (Lut 17, Elb 06)

Petrus, Johannes heilen einen Gelämten, Apg 3. Masolino da Panicale (1383–1447), Florenz.

So hatte sich der Bettler das nicht vorgestellt!

Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Aus Vers 6

Jemand erzählte mir von seiner sehr frommen Schwiegermutter: Wenn jemand zu ihr an die Tür kam, um zu betteln, bekam er auch kein Silber und kein Gold; auch nicht Geld oder etwas zu essen, sondern ein missionarisches Flugblatt.

Das Flugblatt enthalte die Tür zum ewigen Leben, das Evangelium. — Ich finde diese Haltung irgendwie daneben. Natürlich ist das Evangelium die Tür zum ewigen Leben. Das ist nicht mein Problem, sondern dass ein Mensch, der in Not ist, abgewiesen wird mit einer frömmelnden Begründung.

Die Kirche hat bald nach der apostolischen Zeit damit angefangen, eine Doppelstrategie zu fahren: Für die Seele das Wort in Predigt, Taufe und Absolution, und für den Leib Armenspeisung, Hospitäler und Fürsorge. Beides gehört zum inneren Wesen der Kirche, das Zeugnis und die Diakonie. Auch zu einer so kleinen Kirche wie der SELK gehört ein diakonisches Werk, zu dem mit dem Naemi-Wilke-Stift in Guben immerhin ein eigenes Krankenhaus gehört. Doch scheinen Diakonie und Zeugnis seltsam von einander getrennt. Obwohl sich Rektorat und Krankenhausseelsorger um eine geistliche Atmosphäre bemühen, erfordern die Gesetzeslage und Notwendigkeiten des Betriebes, das Krankenhaus als Gewerbebetrieb zu betrachten und zu führen. Gleichzeitig sind die Armen aus unseren Kirchengemeinden merkwürdig abwesend. Die meisten SELKies, die ich kenne, gehören zum gediegenen Mittelstand.

Zu den Überraschenden Dingen, die man erlebt, wenn man in ein Pfarrhaus zieht, gehört, dass ab und zu jemand vor meiner Tür steht, und Geld von mir erbittet. Dazu bekommt man eine fadenscheinige Geschichte, oft genau so dramatisch wie unglaubwürdig. Vor allem, wenn sie in der nächsten Woche leicht variiert noch mal kommt: „Ich brauche Geld für Essen, weil…“ Daraufhin gebe ich kein Geld mehr, sondern biete den Bittstellern Schnittchen aus meiner Küche an, oder auch eine Packung Fertignudeln oder eine Dose Eintopf zum Mitnehmen. Meine „Stammkunden“ bleiben seit dem weg. Die Geschichten über Hunger und Geld für Essen waren anscheinend gelogen, sonst würden die Herrschaften heute noch kommen. Keine Ahnung, wo das Geld geblieben ist. Aber niemand schnorrt doch ohne echte Not einen Pastor an, oder? Hätte ich denen zum Geld oder zum Essen auch frommes Flugblatt andrehen sollen? Hätte ich da nicht die Not ausgenutzt? Oder habe ich eine Chance verpasst, das Evangelium zu verkündigen? Mache ich das richtig? Ich weiß es nicht.

Gedankenanstöße

  • Wo taucht die Diakonie und diakonisches Handeln in deinem Glaubensleben auf?
  • Wie gehst Du mit „Bettlern“ und Bittstellern um? Warum?

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