„Pharisäer und Zöllner“ (11. So. n. Trinitatis, 1.9.2019)

ELKG 056 • Hi 23,1–17 (Lut 17, Elb 06)

William Blake: „Hiob in seiner Verzweiflung“ (1805, Ausschnitt)

Joan Osborne hat in ihrem Popsong gefragt:

If God had a name
what would it be?
And would you call it to his face
if you were faced with
him and all his glory?
What would you ask
if you had just one question?

Hiob weiß ganz genau, was er sagen würde:

Ach daß ich wüßte, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.

Verse 3–5

Hiob fühlt sich ungerecht behandelt. – Und so, wie ich das hier formuliert habe, meint man, man müsste einen ironischen Unterton mithören: Er fühlt sich ungerecht behandelt, aber eigentlich hat er gekriegt was er verdient. Und auch, wenn das bei dem ein oder anderen Menschen stimmen sollte: Bei Hiob stimmt es nicht. Die Bibel selbst lässt daran keinen Zweifel. In ihrer direkten Art stellt sie uns den Mann vor, gleich im ersten Vers des Buches:

Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

Hi 1,1

Gott ist kein Apparat, in den man oben „gute Werke“ einfüllt, um unten Segen und Glückseligkeit zu empfangen. Auch ein Mensch wie Hiob, der alles richtig macht, was man richtig machen kann, kann bei Gott keine Ansprüche anmelden. Unsere Gerechtigkeit vor Gott verdienen wir uns nicht, sondern sie ist eine Gnade Gottes. Das heißt, die Bewertung aller unserer Handlungen, Haltungen und Entscheidungen ist vorläufig.

Jesus sagt:

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

Mt 7,1

Das gilt sowohl für uns selbst als auch für andere. Unsere Handlungen entsprechen hoffentlich unserem besten Wissen und Gewissen. Das gilt für die Handlungen der anderen Menschen auch. Aus diesem Gedanken folgt erstens die Freiheit des Gewissens. Was Kirche und Staat einem Menschen vorschreiben sollen und was nicht, hat Grenzen an dessen Gewissen. Es folgt zweitens daraus die Notwendigkeit der Buße. Der Zöllner, der nun wahrlich nicht mal annähernd den Willen Gottes einhält, wie Hiob es tut, steht vor Gott und sagt:

Gott, sei mir Sünder gnädig!

Lk 18,13

Und es ist aufgrund dieser Haltung das Jesus ihn lobt:

Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.

Lk 18,14

So hoch steht die Bußfertigkeit bei Gott im Kurs, dass dieser Mensch, der offensichtlich ein Sünder ist, mit Hiob auf einer Stufe steht.

Gedankenanstöße

  • Die Gewissensfreiheit schafft eine „Lücke“ im Gesetz, durch die Menschen im Fall des Falles einen straffreien Ausweg finden können. Zum Beispiel dürfen Soldaten unter bestimmten Umständen den Dienst verweigern. Wo sollten dem die Grenzen gesetzt sein?
  • Woher kommt das Gewissen? Ist das nicht am Ende eine beliebige Ausrede, das Gesetz nicht einhalten zu wollen? Gäbe es einen besseren Maßstab und wenn ja, welchen?
  • Bei welchem Thema hast du vielleicht schon mal eine Umkehr erlebt, wo du eine ganz feste Meinung hattest, aber heute bescheidener geworden bist?

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