„Das höchste Gebot“ (10. So. n. Trinitatis, 25.8.2019)

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ELKG 055 • Mk 12,28–34LutherübersetzungElberfelder

Die Aussage dieses Textes ist bekannt als das Doppelgebot der Liebe: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Zu wem spricht Jesus dieses Wort?

Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?   — Vers 28

Schriftgelehrte sind in den Evangelien sonst nicht dafür bekannt, von Jesus in ihrer Rolle als Schriftgelehrte wertgeschätzt zu werden. Was ist hier anders? In diesem kurzen Textabschnitt sind lauter kleine, aber wichtige Unterschiede herauszuhören, die sonst in der Auseinandersetzung zwischen Jesus und Schriftgelehrten (/Pharisäern) eher untypisch sind. Zunächst einmal hat der Schriftgelehrte Jesus „zugehört“ als er sich mit den Sadduzäern um die Frage nach der Auferstehung von den Toten gestritten hat. Der Schriftgelehrte hat dem Reden Jesu aus wahrhaftigem Interesse zugehört. Nicht, um ihn anschließend mit trickreichen Fragen als Lügner oder Verleumder zu entlarven (wie es sonst oft bei Reden zwischen Jesus und Pharisäern/Schriftgelehrten ist), sondern weil ihm Jesu Worte eingeleuchtet haben. In der Lutherübersetzung „sah“ er, dass Jesus ihnen (= den Sadduzäern) gut geantwortet hatte. In der Elberfelderübersetzung ist das noch eindeutiger ausgedrückt: Der Schriftgelehrte sah es nicht nur, er „wusste“ es. Er kennt sich mit der Heiligen Schrift und ihren verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten aus. Er kann bewerten, ob Jesus gute Argumente geliefert hat. Die Frage nach dem höchsten Gebot ist vom Schriftgelehrten ganz ehrlich gemeint.

Jesus selbst lässt sich auf den Schriftgelehrten ein. Es ist interessant, dass er keinen Moment zögert, dem Schriftgelehrten schlicht und ehrlich auf seine Frage zu antworten. Keine vier Verse nach dem Predigttext warnt Jesus schon wieder vor der Heuchelei der Schriftgelehrten (V. 38–42). Doch hier in V. 29 erkennt Jesus scheinbar sofort, dass der Schriftgelehrte aus ehrlichem Interesse heraus fragt. Jesu Antwort besteht aus zwei Zitaten aus dem Alten Testament – der Schrift, in der sich der Schriftgelehrte auskennt. Schaut man sich die Antwort Jesu genauer an wird deutlich, dass unser eigener (heutiger) Fokus auf das Doppelgebot der Liebe den zweiten zentralen Aspekt des Textes oft verdeckt: Zunächst betont Jesus die Einheit und Einzigartigkeit Gottes (V. 29). Der Text des „Schema Israel“ („Höre Israel“) aus 5. Mose 6,4–9 ist einer der bekanntesten Gebetstexte für Juden. Jeder Gläubige kannte diesen Text zu jener Zeit. Die Aussage „Der Herr, unser Gott, ist ein Herr“ (5. Mose 6,4) ist als eine Art Überschrift über dieses Gebet zu verstehen – alles Nachfolgende richtet sich an diesem Wort aus (das erkennt man daran, dass die Verse 5–9 alle mit einem „und“ an den ersten Satz angeschlossen sind).

Von diesem Hintergrund her ist die Antwort des Schriftgelehrten zu verstehen, der zwei Aspekte unterscheidet, die in ihrer Aufteilung in den alttestamentlichen Schriften sonst nicht unmittelbar einleuchten: 1. „Er (=Gott) ist einer, und ist kein anderer außer ihm“ (V. 32) und 2. „und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer“ (V. 33). Beide Texte aus dem Alten Testament stammen aus Büchern, die sich vorwiegend mit Gesetzen auseinandersetzen, die Gott seinem Volk Israel am Berg Sinai neben den Zehn Geboten mitgeteilt hat. Brand- und Schlachtopfer gehören zur normalen kultischen Praxis eines Juden in der damaligen Zeit. Mit den Opfern wollte man sich die Versöhnung mit Gott erwerben. Jesus stellt mit seinen beiden Textstellen hier jedoch bewusst nicht die Opfergaben in den Mittelpunkt, sondern die Grundhaltung gegenüber Gott: Ihn als einzigen Gott anzuerkennen, ihn zu lieben, und die erfahrene Liebe auch an den Nächsten weiterzugeben. Der Schriftgelehrte hat diese Neuausrichtung der Botschaft Jesu in diesem Punkt verstanden, sodass er „nicht fern vom Reich Gottes“ (V. 34) ist, wie Jesus es hier sagt. Das Gottesreich ist mit diesen beiden zentralen Eingeständnissen (ein Gott + Liebe besser als Schlachtopfer), vor allem aber mit der Opferbereitschaft Jesu Christi am Kreuz bereits angebrochen.

Gedankenanstöße

  • Die beiden zitierten Textstellen von Jesus aus dem 3. und dem 5. Buch Mose weisen viele Parallelen zu den 10 Geboten (2. Mose 20 / 5. Mose 5) auf. Welche erkennst du? Hat Jesus diese Anspielung gezielt beabsichtigt?
  • Die Epistel aus Röm 11,25–32 wirft sehr interessante Aspekte auf zu der Frage nach dem Heil für Juden und für Nichtjuden. Ein Teil Israels sei demnach verstockt, „bis die volle Zahl der Heiden“ zum Heil gekommen ist. „Nach dem Evangelium sind sie (=die Israeliten) zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.“ (V. 28) Wie lässt sich dies auf den Schriftgelehrten in dem Predigttext aus Mk 12 anwenden und wie auf die sonstige Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern/Schriftgelehrten?
  • An welchen Stellen in deinem Leben wird das Bekenntnis zu dem einen Gott und die Liebe zu Gott und dem Nächsten deutlich? Gibt es „blinde Flecke“, an denen man einen dieser Aspekte lieber missachten möchte?

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