„Rechtfertigung“ (9. So. n. Trinitatis, 18.8.2019)

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ELKG 054 • Philipper 3,(4b–6)7–14 • Luther 2017Elberfelder

In diesem Abschnitt in Philipper 3 wird der Kerngedanke der lutherischen Theologie entfaltet: Die Rechtfertigung allein aus Glauben.

Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. – Verse 8 und 9
 

Paulus hat seine eigenen Ruhmestaten nicht nur als unwichtig, sondern sogar als „Schaden“, schädlich angesehen. Was heißt es, Christus im eigenen Leben ganz die Regie zu überlassen? Auf den ersten Blick wirkt das ziemlich belastend. Es gibt so viele Verhaltensregeln in dieser Welt, die sinnvoll und zum Teil (über-)lebenswichtig sind. Dos and Don’ts. Es ist selbstverständlich oder zumindest höflich, Freunden und (manchmal) Feinden in Not zu helfen, die Angehörigen zu pflegen, wenn sie es von sich aus nicht mehr können, für die Familie in schwierigen Zeiten da zu sein, usw. Soll das alles ein „Schaden“ sein? Etwas, das mich von Gott fernhält?

Sicherlich nicht. Aber es sind auch nicht die Dinge, die mich zu Gott hinführen. Paulus sagt hier, dass die guten Werke zum Schaden werden, wenn man sie sich selbst aufs Konto schreibt und damit vor Gott irgendetwas gewinnen will. Es geht vielmehr darum, Christus zu gewinnen und „in ihm gefunden“ (V. 9) zu werden. Ganz bei Christus zu sein, und vor allem ganz von Christus zu kommen – das ermöglicht es uns, gute Werke aus freien Stücken (ohne eigenen Vorteil) zu tun. Paulus geht hier aber noch weiter. Bis in den Tod hinein muss man Jesus folgen, wenn man es ernst mit ihm meint.

Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.   – Verse 10 und 11

Paulus macht hier deutlich, dass das Ziel nicht der Tod ist, sondern das, was über den Tod hinausgeht: Die Auferstehung von den Toten. Darauf läuft das Erkennen Gottes hinaus. Damit ist auch gesagt: Der Mensch muss Gott nicht um seiner selbst willen erkennen; Gott hat es nicht nötig, vom Menschen erkannt zu werden. Er gibt sich aber zu erkennen, um der Menschen willen. Damit gibt er dem Menschen die Möglichkeit und auch die Gewissheit, zum ersehnten Ziel der Auferstehung zu kommen. Dieses Erkennen Gottes kann der Mensch in dieser Zeit und Welt nicht vollkommen erreichen – auch Paulus nicht (V. 12). Da, wo es Gott uns nicht explizit offenbart hat, werden Gottes Wege für uns unbegreiflich bleiben. Doch Gott gibt uns mit der Auferstehung und mit dem, was er in V. 14 die „himmliche Berufung“ nennt, ein Ziel, auf das wir uns hin ausstrecken können. Von Gott berufen zu sein – in unserem Stand, in unserer Arbeit –, gibt uns auch Hoffnung und Trost für das Leben in dieser Welt. So spricht die Hoffnung der Auferstehung auch konkret in unser Leben hinein.

Gedankenanstöße

  • Was ist mit dem „Siegespreis der himmlischen Berufung“ (V. 14) gemeint? Ist damit die Auferstehung gemeint, in der Gott seine Erwählten zu sich ruft? Oder ist damit die volle Erkenntnis Gottes gemeint, die uns Menschen hier auf der Erde noch verwehrt ist?
  • Die alttestamentliche Lesung für den Sonntag steht in Jeremia 1,4-10. Da geht es um die Berufungsgeschichte Jeremias. Auch wenn in Phil 3 nicht genau gesagt wird, was mit „himmlischer Berufung“ gemeint ist: Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten lassen sich bei der himmlischen und der irdischen Berufung (Jeremias) erkennen?
  • Manchmal habe ich das Gefühl, je mehr ich über die Rechtfertigung allein aus Gnade nachdenke und rede, desto mehr rücken die eigenen Werke, die man damit ja gerade beiseiteschieben wollte, in den Vordergrund. Wie schafft man es, die Rechtfertigung aus Gnade für sich sprechen zu lassen?

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