„Die Gemeinde der Sünder“ (4. So. n. Trinitatis, 14.7.2019)

ELKG 049 • Lk 6,36–42 • Luther 2017Elberfelder

WWJD – What would Jesus do. So steht es auf manchen Armbändern, die – vor allem junge – Christen an ihrem Handgelenk mit sich herumtragen. Doch was bedeutet es, Jesus zum einzigen Maßstab meines Handelns zu machen?

Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. (Lukas 6, Vers 40)

Uns wird hier ein sehr weiter Weg angekündigt. Wir schaffen es erst, wie Jesus zu leben, wenn wir alles gelernt. Dass das potentiell möglich ist, wird hier zumindest nicht ausgeschlossen. Jesus gibt in den ersten beiden Versen unseres Abschnittes (V. 36 + 37) klar Anweisungen, wie wir in seinem Namen handeln sollen.

Barmherzig sein. Wir sollen die Barmherzigkeit, die Gott uns schenkt nicht nur hinnehmen, sondern auch selbst Barmherzigkeit an unseren Mitmenschen üben. Gnade vor Recht ergehen lassen – das klingt simpel, aber in unserem Alltag merken wir doch oft, dass wir mehr von Gerechtigkeit halten, als von Barmherzigkeit. Dabei muss die Gerechtigkeit gar nicht von uns ausgehen. Oft genug werden wir einfach damit konfrontiert und müssen uns damit irgendwie abfinden. Wie gehen wir damit um?

Nicht richten. Da sind wir schon mitten im Umgang mit einer Ungerechtigkeit, die uns wiederfährt. Wir spielen uns zum Richter auf und urteilen darüber, was richtig und was falsch ist. Aber wie schnell werden wir mit dem gleichen Maß gemessen? Vom Dorfleben kenne ich es, dass sich Gerüchte sehr schnell verbreiten und dem „Gerichteten“ dabei tatsächlich mindestens psychisches Unheil wiederfahren kann. Wenn ich ein Gerücht verbreite, stelle ich mich über den anderen. Aber genauso schnell, wie man selber jemandem Unrecht tut, kommt es wie ein Boomerang zu einem zurück. Plötzlich ist man selbst der, über den Gerüchte verbreitet werden. Und wenn wir es genau betrachten, ist man damit doppelt geschädigt: Man hat sich selbst über den anderen gestellt und damit schuldig gemacht (vielleicht auch unbeliebt) und nun wird man selbst gerichtet und erleidet Schmach.

Vergeben. Vergeben klingt ähnlich wie barmherzig sein, macht hier aber noch etwas deutlich, was am Anfang nur angeklungen ist. Am Anfang hieß es „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Die Barmherzigkeit des Vaters ist hier eine Vorausgabe. Wir können barmherzig sein, weil Gott schon barmherzig war. In dem Vers zur Vergebung heißt es: „Vergebt, so wird euch vergeben.“ Der Wortlaut ist stärker auf die Zukunft gerichtet. Wenn wir jetzt unseren Mitmenschen vergeben, wird auch Gott in Zukunft zu uns gnädig sein. Hier klingt eine eschatologische (endzeitliche) Botschaft an. Es erinnert ein bisschen an die Pointe bei der Weltgerichtsrede in Matthäus 25, wo Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40) Das ist die Haltung, die Jesus von uns fordert.

Jesus zum einzigen Maßstab meines Handelns zu machen ist sicherlich herausfordernd. Aber wir haben einerseits schon die Zusage bekommen, dass Gott uns barmherzig ist und auch die Verheißung, dass er uns vergeben wird. In Anbetracht der Schuld, die wir täglich auf uns laden, ist das mehr als wir erwarten können. Ganz wie Jesus der Meister zu sein, werden wir in diesem Leben vermutlich nicht schaffen. Aber als Schüler ist es auch nicht unbedingt unsere Aufgabe, wie der Meister zu sein, sondern Jesus unseren Meister sein zu lassen und ein Leben lang von ihm zu lernen.

Gedankenanstöße

  • Hast Du in letzter Zeit einem Mitmenschen gegenüber einmal „Gnade vor Recht“ ergehen lassen? Hast du lange darüber nachgedacht oder ist es dir eher leicht gefallen?
  • Worin liegt deiner Meinung nach der Unterschied zwischen Gerüchten und Halbwahrheiten? Ist ein Gerücht immer automatisch falsch und eine Halbwahrheit immer automatisch halb wahr?
  • Mit der alttestamentlichen Lesung in 1. Mose 50,15-21 haben wir auch eine sehr spannende Vergebungsgeschichte aus dem Alten Testament vorliegen. Wie reagiert Joseph auf die Vergebungsbitte seiner Brüder zunächst und wie sieht seine Vergebung schließlich aus? Erkennst Du Parallelen zum Predigtext?

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