„Die betende Gemeinde“ (Rogate, 26.5.2019)

ELKG 040 • Joh 16,23b–28(29–32)33 (Lut 17, Elb 06)

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.

aus Vers 23

Dieses Diagramm habe ich mal als Witz im Internet gefunden. Es passt sehr gut zu unserem Thema heute:

Hier meint jemand, für jedes Gebet gibt es genau zwei Ergebnisse: Es wird entweder erfüllt oder es wird nicht erfüllt. Beide Lösungen enden in Haltungen, die nach einem frommen Bekenntnis klingen, aber auch in Wirklichkeit Klischees sind. Wir wissen alle, dass „im Namen Jesu beten“ keine magische Formel für die Erlösung von Wünschen ist. Wenn dem so ist, was können wir dann mit den Worten an seine Jünger anfangen?

An dieser Stelle möchte ich zuerst frei bekennen, dass auch ich in meinem Leben erlebt habe: Die Wege des Herren sind unergründlich! Es sind mir Dinge passiert, über die ich mich sehr geärgert habe, die mir aber zum Segen gereicht haben. Dies konnte ich natürlich erst im Nachhinein erkennen, das macht das Geschenk aber nicht geringer.

Schön! Aber was ist mit den Dingen, für die das nicht gilt? Was ist mit den Dingen, die mir widerfahren sind, deren Sinn ich nicht sehen kann? Die unerfüllten Gebete? Die vielversprechenden Zeichen, die ich zu sehen meinte und die sich als Illusionen erwiesen haben? Die Erwartungen, die enttäuscht wurden? Die Hoffnungen, die geplatzt sind? Wenn ich hier blind glauben soll, anstatt mich auf meine Erfahrung zu berufen, dann gilt meine Erfahrung für die erste Gruppe von Dingen auch nicht!

Hier sieht man deutlich, dass Jesus’ Haltung zum Gebet weltliche Logik sprengen will. (Er redet ja in diesem Abschnitt davon, dass die Jünger nicht mehr so richtig in die Welt passen. Das gibt es im Johannes-Evangelium oft). Es geht ihm nicht um Ursache und Wirkung, Bitte und Erfüllung. Statt dessen soll unser Gebet ein Lobpreis Gottes sein. Alles von Gott zu erwarten, ist die Haltung, die zu Gott passt; unser Glaube lebt, wo wir alles von Gott erhoffen.

Bei so hohen Gedanken und Idealen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass Jesus das nicht von einer erhöhten Stellung auf uns hinabpredigt. Er ist in diesem Moment ganz bei uns, ganz Mensch, ganz auf Augenhöhe. Er ist auf dem Weg ans Kreuz. Gleich nach unserem Abschnitt überliefert uns Johannes ein langes Gebet Jesu und dann kommen auch schon die Soldaten und führen ihn ab. Jesus hätte sich für sein Leben auch etwas anderes vorstellen können, als es ausgerechnet am Kreuz zu beenden! Johannes zeichnet ein Bild von Jesus, wo er manchmal unnahbar und übermenschlich wirkt. Der Evangelist will betonen, wie nah Jesus dem Vater ist. Doch aus den anderen Evangelien wissen wir, dass Jesus richtig Angst hatte vor der Kreuzigung und nicht allein sein konnte – und dass sein Gebet in dieser Situation nicht erhört wurde.

Zum Gebet gehören nicht nur Bitte, Dank und Lobpreis, sondern auch die Klage. Was Jesus hier über das Bitten sagt, gilt auch für die Klage: Die Klage, die du vor Gott bringst, wird wirklich gehört.

Abba, lieber Vater, alles ist dir vor Augen.

Ich verstehe es nicht!
Warum hast du mein Gebet nicht erhört?

Nimm diese Unwissenheit von mir
und zeig mir, wie das alles Sinn macht.

Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!

(Nach Mk 14,36)

Gedankenanstöße

  • Bestimmt kannst du für beide Gruppen von Dingen: „Lobe den Herren, denn er tut Wunder“ und…
  • … „die Wege des Herrn sind unergründlich“ eigene Beispiele aus deinem Leben finden. Kannst du sie sortieren? Für was bist du am meisten dankbar und bei was stellt sich dir die Frage nach Sinn am dringendsten? Beide Listen können dir als Grund in ein Gebet dienen.

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