„Die singende Gemeinde“ (Kantate, 19.5.2019)

ELKG 039 • Apg 16,23–34Elberfelder • Luther 2017

Ich bin nachts abundzu alleine auf wenig beleuchteten, recht einsamen Straßen unterwegs. Mir ist es oft so gegangen, dass die mulmigen Gefühle plötzlich verschwanden, sobald ich angefangen habe irgendetwas vor mich hin zu singen. Die Angst war wie weggeblasen. Ob es Silas und Paulus im Gefängnis genauso ging?

„Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen Gott; und die Gefangenen hörten ihnen zu.“ (Vers 25)

Paulus und Silas saßen im tiefsten und dunkelsten Teil des Gefängnisses. Die Füße hatte man ihnen in den sogenannten „Block“ getan. Ein altes Folterinstrument aus Holz, in das Hände und/oder Füße durch Löcher gesteckt und so in das Instrument eingeklemmt wurden. Man liegt stundenlang auf dem Rücken mit gestreckten Beinen und kann sich nicht bewegen oder drehen. Eine im doppelten Sinn „ausweglose“ Situation. Paulus und Silas kamen nicht aus dem Block, nicht aus der Zelle, nicht aus dem Gefängnis. Und selbst wenn sie aus dem Gefängnis gekommen wären – bevor sie eingesperrt wurden, wurden sie vom Volk verprügelt. Was sollen sie tun? Paulus und Silas haben möglicherweise gar nicht „gewählt“ zu singen. Vielleicht ist es einfach aus ihnen herausgebrochen. Haben sie ausgerechnet Lobpreislieder gesungen, um ihre Angst mit fröhlichen Liedern zu vertreiben oder gar Gott aus freien Stücken zu preisen und zu loben? Vermutlich war es beides. In ihrer aussichtslosen Lage haben sie ihren Auftrag dennoch nicht vergessen. Letztendlich wird über das Singen von Paulus und Silas hier nur berichtet, dass ihre Mitgefangenen ihnen zuhörten. Die Insassen haben Mut aus dem Singen und Beten geschöpft. Sie mögen vielleicht nicht mitgesungen haben, aber sie haben zugehört. Auch Zuhören ist in einer ausweglosen und angespannten Lage eine beachtenswerte Leistung.

Und eine zweite Sache fällt in diesem Vers auf. Die Zeitangabe „Mitternacht“ scheint sich hier tatsächlich auf das Singen und Beten zu beziehen – und nicht auf den Zeitpunkt des Erdbebens. Das ist aus zwei Gründen ungewöhnlich: Einmal ist es für die Einwohner der Stadt sicher leichter den Zeitpunkt eines Erdbebens zu bestimmen als den des Singens. In der Mitte der Nacht scheint die Kraft des Erdbebens allein von dem Singen und Beten auszugehen. Nicht das Erdbeben (im Sinne einer Laune der Natur) ist am Ende verantwortlich für das „Happy End“ der Geschichte, sondern der Ruf zu Gott in Form von Lobliedern und Gebet. Es wird zwar nicht berichtet, wann Paulus und Silas ins Gefängnis geworfen wurden, aber dennoch ist auch eine andere ungewöhnliche Beobachtung zu machen:  Wenn man die Zeitangabe „Mitternacht“ tatsächlich wörtlich nimmt, haben Paulus und Silas bis dahin offenbar schon Stunden in Einsamkeit und Stille verbracht. Sie haben nicht sofort in froher Hoffnung und Erwartung zu singen begonnen. Vielleicht ist es manchmal gerade die Stille, in der Gott sich neu in unser Bewusstsein „drängelt“ und ein Hoffnungsfünklein aufscheinen lässt, sodass wir anfangen zu singen.

Gedankenanstöße

  • Gott wirkt in dieser Geschichte ziemlich im Verborgenen. Daher kann man hier nicht sicher sagen, was es mit dem Erdbeben auf sich hat. Ist es deiner Meinung eine Reaktion Gottes auf das Singen oder doch nur eine Laune der Natur?
  • Spätestens an der Stelle, wo der Kerkermeister eine wichtigere Rolle spielt (ab Vers 27), merkt man aber doch klar, dass Gott am Werk ist. Wie erklärst du dir in diesem Zuge den plötzlichen Sinneswandel des Kerkermeisters infolge des Erdbebens, als er Paulus und Silas fragt: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“
  • Welche persönliche Beziehung hast du zum Singen? Hilft es dir in Situationen der Angst, macht es dich grundsätzlich fröhlich oder nervt es dich eher? Warum?

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