„Der gute Hirte“ (Miserikordias Domini, 5.5.2019)

ELKG 037 • Joh 10,11–16(27–30)Lutherübersetzung 2017Elberfelder

Das Motiv des „guten Hirten“ taucht in der Bibel immer wieder auf. Am berühmtesten ist Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangel.“ Warum ist der Hirte im biblischen Kontext so beliebt und was zeichnet einen „guten Hirten“ wirklich aus?

„Ich bin der gute Hirte.“

Jesus sagt von sich selbst: „Ich bin der gute Hirte.“ Was macht einen Hirten „gut“? Der Text stellt nicht nur den Hirten als positives Bild vor, sondern auch sein Gegenteil. Der Idealtypos eines „schlechten“ Hirten ist der (in der Lutherübersetzung sogenannte) Mietling.

Eine unzuverlässige Aushilfe, der sich bei der ersten brenzligen Situation schon über alle Berge davonmacht. Er wird seiner Verantwortung für die Schafe nicht gerecht und macht sich damit zum Dieb, der zwar gern das Geld für die Arbeit nimmt, sich vor der eigentlichen Arbeit aber lieber drückt. Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist für ihn wichtiger als die Schafe. Die zweite Gefahr für die Schafe ist der Wolf. Der Wolf haut nicht still und heimlich ab, sondern stürzt sich mitten rein in die Herde und zerstreut sie damit in alle Winde. Bei beiden Gefahren sind die Schafe am Ende auf sich selbst gestellt und damit schutzlos ausgeliefert. Ein guter Hirte bleibt bei seiner Herde, selbst wenn es schwierig wird. Er hält sie zusammen und gibt ihnen Sicherheit. In der Beschreibung von Jesus als gutem Hirten wird deutlich, wie ernst es Jesus mit seinen Schafen ist: 

„Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Vers 11)

Ist am Anfang noch eher unpersönlich die Rede davon, dass der gute Hirte sein Leben für die Schafe lässt, sagt Jesus dies von sich selbst explizit in Vers 15: „Und ich lasse mein Leben für die Schafe.“ Hier ist nichts von einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu spüren. Das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Schafen basiert einzig und allein auf Vertrauen, auf der engen Beziehung zwischen dem Hirten und jedem einzelnen Schaf. Doch wie bei schlechtem Radioempfang wird die direkte Verbindung oft durch Störungen unterbrochen (hier durch Mietling und Wolf dargestellt).

Was will uns der Text jetzt aber eigentlich sagen: Sei immer ein gutes Schaf und streng dich an, damit du nicht aus Versehen der Stimme des falschen Hirten nachläufst? Nein, das sagt der Text nicht. Der Text differenziert nicht zwischen guten und schlechten Schafen. Und er stellt auch keine Bedingungen für die Nachfolge auf. Im Gegenteil: Jesus sagt: „die Meinen kennen mich“ (Vers 14). Jesus nutzt dieses Bild der engen Verbindung, um seine Beziehung zu Gott dem Vater zu beschreiben. Diejenigen, die zu mir gehören kennen mich so, „wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater“ (Vers 15). An diese Beziehung sind keine Bedinungen geknüpft, sie basiert nur auf bedigungsloser Liebe. So kommt der Text am Ende zu seinem Höhepunkt, wenn Jesus von sich sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ (Vers 30) Diese engste Verbindung zwischen Hirte und Schaf / Sohn und Vater ist damit auch ein Sinnbild für die Auferstehung. Der gute Hirte hat die Schafe nie verlassen, wie auch der Vater den Sohn am Kreuz nicht verlassen hat. Er ist nicht geflohen und er hat die Seinen auch nicht zerstreut. Er hat sie unter dem Kreuz versammelt und durch den Tod wieder zu neuem Leben geführt.

Gedankenanstöße

  • Auch der Hirte aus Psalm 23 wird als „guter Hirte“ beschrieben, der es seinen Schafen an nichts fehlen lässt. Was wird über den Hirten in Psalm 23 alles ausgesagt? Wie kümmert er sich um die Schafe und inwiefern ist in Joh 10 sogar noch eine Steigerung zu erkennen („Sterben für die Schafe“)?
  • Das Wort „Pastor“ stammt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt ebenfalls „Hirte“. Welche Eigenschaften sollte deiner Meinung nach ein Pastor/Pfarrer als (guter) Hirte haben? Was ist dabei eher hinderlich?
  • Auch in den anderen Texten für den Sonntag Miserikordias Domini (Hes 34,1-16.31 und 1Petr 2,21-25) spielen Hirten eine Rolle. Wie wird das Motiv jeweils aufgenommen?

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