„Der Schmerzensmann“ (Palmarum, 14.4.2019)

ELKG 029 • Jes 50,4–9 (Lut 17, Elb 06)

„Christus in der Rast“. Museum Kirche zum Heiligen Kreuz, Zittau. Foto: D. Vorberg

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben,
wie sie Jünger haben,

daß ich wisse,

mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.

Alle Morgen weckt er mir das Ohr,

daß ich höre, wie Jünger hören.

Vers 4

Was heißt das: „wie ein Jünger hören“ und „mit der Zunge eines Jüngers reden“? Der „Gottesknecht“ beim Propheten Jesaja hat dazu eine sehr konkrete Vorstellung, die ich hier gerne skizzieren möchte. Dazu erkläre ich kurz, was „Jünger“ bedeutet, und möchte auch einen Gedanken vorschlagen, der in den Blick nimmt, was das mit dir und mir mir zu tun.

Das Hebräische Wort, das hier mit „Jünger“ übersetzt ist, kommt von einem Verb, das je nach Form, „lernen“ oder „lehren“ bedeutet. Das Deutsche Wort „ausbilden“ und „ausgebildet werden“ ist dem nicht ganz unähnlich, auch von der Bedeutung her. Es geht dabei um mehr, als den Erwerb einer bestimmten technischen Fähigkeit. Wer eine Ausbildung macht, wächst in einen Beruf hinein. Er übernimmt neue Gewohnheiten, erwirbt eine neue Fachsprache und lernt neue Menschen kennen, die vor ihm diesen Beruf schon gelernt haben. Der wichtigste unter ihnen ist sicherlich der Meister. Seine Art, die Dinge anzugehen, prägen den Betrieb. Von ihm lernt man die grundlegenden Handgriffe. Er ist das Vorbild, nach dem sich Lehrling richtet. Von ihm lernt er, wie man über sein Handwerk redet, und wie man darüber denkt. Wenn der Lehrling Geselle ist, und man ihm eine Aufgabe stellt, wird er als erstes denken: „Wie würde der Meister dieses Problem angehen?“ Als Lehrling beginnt er noch jeden Morgen aufs neue, indem er fragt: „Meister, was soll ich jetzt tun?“

Das dritte „Gottesknechtslied“ hat Jochen Klepper zu diesem Morgenlied inspiriert: „Er weckt mich alle Morgen“, ELKG 545.

Jesajas „Gottesknecht“ hat Gott den HERRN selbst zum Meister. Jeden Morgen redet der Meister mit ihm und gibt ihm konkrete Anweisungen, seinen Beruf auszuführen. Seine Aufgabe ist es, die „Müden richtig durch ein Wort aufzurichten“. Hier wird klar, warum viele meinen, der „Gottesknecht“ sei Jesaja selbst. Kunstgerecht soll der Prophet den niedergeschlagenen Israeliten Gottes Wort ausrichten, das er von ihm gelernt hat. Dies soll sie heilen und stärken. Ohne Zwischenschritt schreitet der Gedankengang fort, indem der „Gottesknecht“ davon berichtet, dass er körperlichen und seelischen Angegriffen ausgesetzt ist, wegen des Wortes, das er zu sagen hat. Wir wissen nichts über den konkreten Inhalt, den er zu sagen hatte. Wir wissen auch nicht, wer ihn schlägt oder beschimpft, doch der Zusammenhang mit dem Reden und dem Ertragen der Schmerzen ist so eng, dass es in eines fällt.

Wie soll aber es aber ein Trost für die „Müden“ und Bedrängten sein, wenn der Gottesknecht geschlagen wird? Mein Leben wird doch nicht besser davon, dass ein anderer leidet! — Nein, mein Leben wird nicht besser dadurch, dass ein anderer leidet, aber ich bin in meinem Leiden nicht mehr allein. Jeder Mensch kann sich einsam und verlassen vorkommen, wenn er leiden muss. Für einen gläubigen Menschen stellt sich im Leiden auch die Frage, ob Gott ihn allein gelassen hat: „Wie kann Gott dies zulassen?“ Zu wissen, dass auch ein Mensch leiden muss, der eine so enge Beziehung zu Gott hat, wie der „Gottesknecht“, beantwortet nicht die Frage nach dem „Warum?“, aber es beantwortet die Frage, ob Gott mich allein gelassen hat: „Nein! So wenig Gott seinen Knecht verlassen hat, so wenig hat er dich verlassen!“

Von alters her haben Christen den „Gottesknecht“ bei Jesaja auf Jesus bezogen. Der Prophet habe vorausschauend von Christus geweissagt, als er jene Zeilen schrieb. Tatsächlich passen seine Aussagen gut zu Jesus, doch dürfen wir nicht übersehen, dass das Verhältnis zwischen Gott-Vater und -Sohn unvergleichlich enger ist, als das zwischen Meister und Lehrling. Es gibt nur einen Gott. Vater und Sohn sind der selbe Gott. Sie sind sich so nah wie du und deine innere Stimme. Derjenige, der sich im „Schmerzensmann“ Jesus Christus neben dich in das Leiden und in die Niedergeschlagenheit gestellt hat, ist kein anderer als Gott selbst. Nein, das Leiden ist dadurch nicht weniger Leiden, aber du bist nicht allein. Gott ist dir nicht fern, im Himmel, sondern er hat sich neben dich gestellt, in deinem Bruder Jesus Christus.

Gedankenanstöße

  • Der Gedankengang bei Jesaja ist ohne Übergang vom Wort, das der Knecht von Gott erhält zu seinem Leiden. Was ist der nächste gedankliche Schritt innerhalb der Verse für heute?
  • Ziehe Parallelen zwischen dem, was dem Gottesknecht widerfährt und der Passionsgeschichte Jesu. Was passt und wo unterscheidet sich der Knecht in Bezug auf das konkrete Leiden und auf die Haltung, wie er damit umgeht, von Jesus?
  • Für viele Menschen ist es im Nachhinein zu einem Trost geworden, dass erlebtes Leid eine Bedeutung für sie selbst oder für andere bekommen hat. Das hat ihrem Leid nachträglich einen Sinn gegeben. Gibt es in deinem Leben Beispiele dafür? Gibt es Dinge, unter denen du gelitten hast, die sich dir (noch) nicht erschließen? Wie gehst du damit um?

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