„Das Lamm Gottes“ (Judika, 7.4.2019)

ELKG 028 • Joh 18,28–19,5 (Lut 17, Elb 06)

„Was ist Wahrheit?“ Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge, 1890: Pontius Pilatus und Christus nach Joh 18,38

Da fragte ihn Pilatus: „So bist du dennoch ein König?“ Jesus antwortete: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“.

Joh 18,37

Was mich immer wieder auf’s neue erstaunt, ist, wie unausweichlich Jesu Tod war, wie verfahren die Situation, an diesem Tag kurz vor dem Passafest in Jerusalem. Was hätten die Beteiligten schon machen können?

Die „Juden“, das heißt in diesem Kontext bei Johannes „die politischen und religiösen Führer des antiken Israels“, stehen ihrem politischen, militärischen, wirtschaftlichen und auch religiösen Besatzern gegenüber. Sie lassen sich aber nicht unterkriegen! Die Römer beherrschten die ganze damals bekannte Welt. Und das hieß für alle Menschen auf der Erde: Ihre Götter sind stärker als unsere Götter.

Die Römer haben das dann geschickt verkauft:

In Wirklichkeit sind Eure Götter nur unsere Götter mit einem anderen Namen. So lange sie sich dem Ober-Gott Jupiter (= Rom!) unterordnen, ist alles gut!

Dadurch konnten die besiegten Eliten, die Häuptlinge und Priester, ihr Gesicht wahren. Sie waren zwar Rom untergeordnet, aber vor Ort hat sich an den Machtstrukturen wenig geändert. Das ist bis heute eine der erfolgreichsten Eroberungsstrategien der Weltgeschichte. Nur an einer Stelle hat sie nicht funktioniert – und ich rede nicht von einem kleinen Gallischen Dort, das Zaubertrank hat, sondern von einer real-existierenden, geschichtlichen Gemeinschaft, die keinen Zaubertrank gebraucht hat, weil sie den Glauben hat: Israel.

Die Vertreter des Jüdischen Volkes stellen sich in vor Pontius Pilatus, den Stellvertreter des Gott-Kaisers, und sagen ihm ins Gesicht:

Nein, wir gehen nicht nicht in dein Haus. Das macht uns unrein.

Was muss es den Pilatus gewurmt haben, dass die Juden besiegt sind, aber nicht gedemütigt, geschlagen, aber nicht unterworfen. Sie stehen vor seinem Hauptquartier, im Angesicht seiner militärischen Macht, und zeigen ihm den religiösen Mittelfinger:

Unser Gott ist der wahre Gott. Du bist hier nur, weil er dich gewähren lässt.

Um diesen Mut aufzubringen, diesen inneren, geistigen wie geistlichen Widerstand, mussten die Priester und Schriftgelehrten das Volk zusammenhalten. Und sie meinten, dabei stände ihnen Jesus mit seiner radikalen, neuen Botschaft im Weg. Sie müssen all ihre Kraft aufbringen, um ihren Selbstwert festzuhalten. Sie müssen sich immer wieder daran erinnern, dass Gott auf ihrer Seite ist, auch wenn es politisch und militärisch gar nicht danach aussieht. Doch sie sind in diesem Denken so sehr gefangen, dass sie Gottes Wort aus Jesu Mund nicht erkennen können.

Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Und Pilatus? Er ist ein Heide und bleibt den Kategorien stecken, die er kennt.

Hältst du dich nun für einen König oder nicht?

Nimmst du nun weltliche Macht für dich in Anspruch oder nicht?

Bist du nun gegen Cäser oder nicht?

Einen anderen Weg kann er nicht denken. Auch er ist gefangen in dem, was er schon immer kennt. Auch er sieht nur, was vor Augen ist. Das Bild von Nikolai Ge trifft es gut: Jesus muss Pilatus ein bisschen verrückt vorkommen, mit seiner strubbeligen Haartracht. Pilatus hat sich selbstgefällig ihm gegenüber aufgebaut und wirft Jesu Worte mit der rechten Hand hinter sich: „Wahrheit? Was ist das schon?“ – Wir als Betrachter wissen, dass Jesus nicht um seiner selbst willen so traurig guckt.

Die Idee, dass Gott selbst zu uns Menschen kommt und sich neben uns stellt in die Dinge, die uns gefangen halten, ist unerwartet und unerwartbar. Hier, inmitten unserer Richtigkeiten, Sachzwängen und Ausreden spricht er uns an und bietet uns einen dritten Weg zwischen Sieg und Niederlage, Rebellion und Unterwerfung:

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Joh 14,6

Es geht hier nicht darum, dass nur Christen „in den Himmel kommen“, sondern was Jesus sagt ist: Wenn wir einen Schritt mit ihm mitgehen, eröffnet sich eine ganz neue Perspektive und wir sehen uns ein Stück weit, wie er uns sieht, wie Gott uns sieht – und das erlaubt Umkehr und Buße, also Befreiung aus dem Kerker unserer Selbstverständlichkeiten. Gott selbst kommt in Jesus zu uns, spricht uns an, rührt uns an, und gibt sich selbst für uns, um uns unsere Blindheit abzunehmen und fortzutragen.

Christe, du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd’ der Welt,
erbarm dich unser.

Gedankenanstöße

  • Richtigkeiten, Sachzwängen und Ausreden – In Bezug auf mich fallen mir konkrete Beispiele ein. Viel problematischer erscheinen mir aber die Bereiche, bei denen ich gefangen bin, ohne es richtig zu wissen. Wie soll man beten um eine Erkenntnis, für die man nicht mal eine Frage hat?
„Christus vor Pilatus“, Gemälde von Mihály von Munkácsy, 1881
  • Die Bilder in diesem Beitrag habe ich von der Wikipedia-Seite „Pontius Pilatus“ übernommen. Während sich das erste Bild mit der Beziehung zwischen ihm und Jesus auseinandersetzt, präsentiert das zweite „die Juden“ sehr ausführlich.
    • Dieser Szene im Johannes-Evangelium wurde der Vorwurf gemacht, antisemitisch zu sein. In Bezug auf Johannes scheint das wenig sinnvoll, wo er doch selbst Jude war. Aber mal ganz ehrlich: Wie ist das mit diesem Bild? Es ist antisemitisch? Warum?
    • Wie unterscheidet sich die Darstellung Pilatus’ vom ersten Bild?
    • Was ist Jesus’ Ausdruck?
    • Zwei Personen genau in der Mitte fallen aus der Rolle. Wer sind die beiden und was haben die hier zu suchen?

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