„Vierfacher Acker“ (Sexagesimae, 24.2.2019)

ELKG 021 • Apg 16,9–15 (Lut 17, Elb 06)

„Die Taufe der Lydia“, Gemälde von Marie Ellenrieder (1861), Alte Nationalgalerie Berlin

Eine Vision lenkt die Schritte Paulus’ und seiner Begleiter in die Stadt Philippi. Hier treffen sie die Purpurhändlerin Lydia. Sie ist der erste Mensch aus dem heutigen Europa, der Christ wird. Wir erfahren vergleichsweise viel über sie. Lasst uns mal schauen, was das ist!

Eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, …

„Gottesfürchtig“ heißt in diesem Zusammenhang, dass sie eine Proselytin war. Das waren Menschen, die nicht als Juden geboren waren, aber sich zum Judentum als ihrer Religion hielten.

Für viele Menschen war damals die römische Mainstream-Religion unattraktiv und unglaubwürdig geworden. Viele Intellektuelle sahen in ihr nur noch einen Budenzauber für das einfache Volk und vertraten, dass es, wenn überhaupt, nur eine göttliche Kraft gäbe. Da die Juden das schon immer geglaubt haben, hatte ihre Religion eine gewisse Plausibilität – und sicherlich auch den Charme des Exotischen.

…eine Purpurhändlerin …

Das ist ihr Beruf. Wir können davon ausgehen, dass sie materiell ganz gut gestellt war. Purpur war kostbar und teuer und wer damit Handel betreibt, braucht zumindest ein gewisses Kapital, um sein Geschäft zu betreiben.

…aus der Stadt Thyatira,…

Das macht für den antiken Leser sofort Sinn: Thyatira ist in dem Landstrich mit Namen Lydien – deswegen heißt sie also „die Lydierin“. Lydia ist eher ein Beiname: der Name, unter dem sie in der Stadt Philippi bekannt war.

…hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.

Es waren zwar noch andere Frauen an dem Ort zum Gebet zusammengekommen (Vers 13), aber Lydia ist diejenige, zu der Jesus an dem Tag ganz besonders gesprochen hat. Wir wissen nicht, ob es regelmäßig nur Frauen waren, die sich dort trafen, oder ob das an diesem Tag zufällig so war. Vielleicht durften die Frauen nicht mit in die Synagoge und haben gedacht: „Dann machen wir eben unser eigenes Ding… am Ufer des Flusses“. Ich stelle mir eine Gruppe von Frauen vor, die ihren eigenen spirituellen Weg suchen, abseits einer bunten aber vielleicht oberflächlich gewordenen Volksreligiosität.

Ausgerechnet diese Frauen spricht Paulus an. Paulus, aufgewachsen und ausgebildet unter Pharisäern, muss einen weiten innerlichen Weg hinter sich gehabt haben. Ein Pharisäer würde fremde Frauen kaum ansprechen, schon gar keine aus einem anderen Volk. Stellt auch das mal so vor: Ein Mann im Anzug geht zu einer Gruppe von Hippie-Frauen und sagt: „’tschuldigung, ich sehe ihr seid Gottesfürchtige. Darf ich euch was über Jesus erzählen…“ Damals kannte natürlich noch niemand Jesus und keiner hat mit ihm die Mainstream-Religion verbunden, die das Christentum heute bei uns ist. Vielmehr war das, was Paulus den Frauen erzählt hat, aus Sicht der Zeitgenossen noch abgefahrener, als der „Hippie“-Glaube, den sie schon hatten. In diese verrückte Situation tritt Jesus selbst und „öffnet Lydia das Herz“. Und was Paulus sagt, spricht sie wirklich an.

Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach…

„Haus“ ist in diesem Zusammenhang kein Gebäude, sondern eine Gruppe von Menschen. Es ist Lydias „Familie“ in einem weiten, lebenspraktischen Sinne. Da können Kinder mit einbegriffen sein, ihre eigenen und angenommene, aber auch Sklaven und andere Bedienstete.

Interessant ist, dass es ihr Haus ist und nicht das eines Mannes. Lydia könnte Witwe gewesen sein, aber Frauen konnten damals eigentlich nicht erben. Sie scheint jemand gewesen zu sein, die ein bisschen außerhalb der Norm einen Platz für sich errungen hatte.

„Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da“. Und sie nötigte uns.

Hier meint „Haus“ eher ein Gebäude, aber dies ist auch eine Einladung in die häusliche Gemeinschaft. „Habt bei mir ein Dach über dem Kopf“ könnte man sagen. Da steckt drin, dass sie die Missionare zum Essen einlädt.

Essen war in der Antike unendlich viel teurer als heute. Man kann rechnen, als Faustregel, dass die meisten Menschen damals 90% ihrer Arbeitszeit für das tägliche Brot aufbringen mussten. Wenn man 90% eines Durchschnittsverdienstes für Lebensmittel ausgeben muss, sind drei zusätzliche Personen am Esstisch eine echte Investition. Ihr neu gefundener Glaube war Lydia etwas wert. Sie will die Männer unterstützen, die ihr von Jesus erzählt haben.

Wir wissen, dass es auch später noch in Philippi eine christliche Gemeinde gegeben hat. Insbesondere haben wir einen Brief an sie in der Bibel: den Philipperbrief. Lydias Name kommt darin nicht vor. Das könnte daran liegen, dass es nur ein Beiname ist. Lukas hat ihn vielleicht statt ihres „privaten“ Namens gewählt, damit es uns leichter fällt, uns mit ihr zu identifizieren. Christ zu sein kann oft bedeuten, ein bisschen aus der Norm zu fallen. So gesehen sind wir alle ein bisschen Hippies, die einen Platz erringen müssen, um ihr Ding zu machen.

Gedankenanstöße

Das Bild, das ich oben als Illustration verwendet habe, ist von Marie Ellenrieder. Sie hat darin die Taufe von Lydia und „ihrem Haus“ dargestellt. Das Bild stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals hat man sich den alten Orient wohl so vorgestellt: Alle tragen wallende, bunte Gewänder mit reichen Verzierungen.

  • Wer sind die drei Männer? Die beiden links tragen einen Heiligenschein, der dritte nicht.
  • Welches Ideal von der ersten „europäischen“ Christin hat der Malerin vorgeschwebt?
  • Wie ist das mit meinem Bild von der Hippi-Emanze, das ich oben „male“? Welches ist dir plausibler? Mit welchem kannst du mehr anfangen?
  • Wie ist es mit dir? Wenn du diese Verse liest, welches Bild von Lydia entsteht vor deinen Augen?

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