„Lohn und Gnade“ (Septuagesimae, 17.2.2019)

ELKG 020 • Pred 7,15–18 (Lut 17, Elb 06)

Wie bitte?

Sei nicht allzu gerecht und erzeige dich nicht übermäßig weise:
Warum willst du dich zugrunde richten?

Sei nicht allzu gottlos und sei nicht töricht:
Warum willst du sterben, ehe deine Zeit da ist?

Verse 16–17 (Elberfelder Bibel, 2006)

Also mit anderen Worten: „Sei nicht zu gut und auch nicht zu böse“. — Das soll in der Bibel stehen? Dem selben Buch, in dem auch die Zehn Gebote stehen und das ganze Mosaische Gesetz?

Jeder, der schon mal in einer Studenten-WG gelebt hat, weiß, wie nervig Mitbewohner sein können, die „zu böse“ sind, und denen die Regeln des menschlichen Zusammenlebens einfach egal sind. Insbesondere ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Empfinden für Hygiene ist hier ein weites Feld für Meinungsverschiedenheiten. Umgekehrt kann ein pedantischer Mitbewohner, der immer und überall etwas zu meckern findet, eine echte Stimmungsbremse sein.

Foto: Eine WG-Erinnerung aus eigener Produktion(!) von D. Vorberg. Mutige dürfen auf das Bild klicken, um den Inhalt zu sehen. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

Wie finde ich aber ein Maß zwischen „gut“ und „böse“? Und wer weist mich zurecht, wenn ich falsch liege?

Der Schlüssel zu dieser Frage ist der letzte Vers:

Der Gottesfürchtige entgeht dem allen.

aus Vers 18

Der Prediger hat großes Vertrauen darauf, dass ein Mensch, der in der Beziehung mit Gott lebt, so handelt, dass es dem Wesen Gottes entspricht – und damit richtig. Der Heilige Augustinus hat das in die Formel gegossen: „Liebe – und du tust das Richtige“. „Gott ist die Liebe“ (1.Joh 4,8) schreibt Johannes im Licht des Glaubens an Jesus Christus an seine Gemeinde.

Wir wissen natürlich alle, dass es im Alltag nicht einfach ist! Unser Bemühen mag gut gemeint sein, aber wir müssen uns immer wieder eingestehen, dass wir scheitern. Wir müssen mit Konflikten und Streit umgehen. Wir brauchen Versöhnung und Vergebung. Die Verse des Predigers bewahren uns davor, uns auf das eine oder das andere zu versteifen. Weder ein ständiges „Bleib doch mal locker!“ noch verkrampfte Verweise auf Anstand und Hausordnung bringen auf Dauer weiter. Wir sind Geschöpfe Gottes, und was uns wirklich das richtige Handeln lehrt, ist, auf sein Wort zu horchen. Gottes Wort kann uns in der Bibel, in der Predigt, aber auch im liebevollen, prophetischen Wort unseres Gegenübers begegnen – selbst, wenn er ein WG-Mitbewohner ist. Der „Gottesfürchtige“ ist einer, der damit rechnet, von Gott angesprochen und aus der Ruhelage gebracht zu werden.

Gedankenanstöße

  • Kennst du eine konkrete Situationen, in der jemand „zu gut“ war, also: Dass ein ehrliches Bemühen, das richtige zu tun, nach hinten losgegangen ist – und das zurecht?
  • Augustinus’ Maxime „Liebe – und du tust das Richtige“ klingt schön und ist recht fromm, weil er sie mit Blick auf Christus sagt. Doch der Kirchenvater redet auch wenig konkret. Welche Maßstäbe setzt du für dein Verhalten an, wenn du dir Regeln setzt und dich entscheiden musst, wie strickt du sie einhältst?
  • Beim Tanzen sagt man: „Know the rule – bend the rule – break the rule“. Das heißt: Wenn du die Regel verstanden hast, kannst du mit ihr spielen – und wenn du sie verinnerlicht hast, kannst du sie rundheraus brechen! Funktioniert das auch für das Zusammenleben mit anderen?

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